• Sarah

Mein erstes Mal Fliegen

Kennst du das Gefühl nur noch zu taumeln, weil du in eine Situation geraten bist, in der dir plötzlich jegliche Kontrolle fehlt? Weißt du, wie es ist, den schützenden Boden unter den Füßen zu verlieren? Dabei gezwungen zu sein, in den dunklen Abgrund deiner schutzlosen Seele zu schauen?


Und kannst du dir vorstellen, das alles freiwillig zu tun?



 

Es ist nun genau ein Jahr her, dass ich Sascha und mit ihm seine Seile kennengelernt habe. Ein guter Abstand um zu erzählen, wie es für mich war, in eine Welt einzutreten, in der Seile die Sprache und Reaktionen das Zahlungsmittel sind.

 

Ich nippe an meinem Moscow Mule und traue mich kaum, den Mann an der anderen Tischseite genauer in Augenschein zu nehmen. Wie konnte ich mich auf dieses Date einlassen?


Ich weiß, dass er 12 Jahre älter ist als ich, kinky, Shibari-Rigger und Fotograf. Nun sitzen wir uns also gegenüber in einer Stadt, in der ich noch nicht einmal eine eigene Wohnung besitze.

Meine bisweilen unbändige Neugier trieb mich in diese Bar, nun blockiert mich meine Angst in den ersten Minuten jedoch total. Er scheint meine Unsicherheit zu spüren, ich spüre seine blauen Augen auf meinem Gesicht. Dann greift er schlicht mit einer Hand in meinen entblößten Nacken. Überrascht blicke ich auf und begegne einem Blick, der so spannend ist, dass ich meine Unsicherheit vergesse. Wir beginnen endlich miteinander zu reden.


In den folgenden Stunden erfahre ich viel über Saschas Intentionen beim Fesseln und seiner Philosophie. Bereitwillig beantwortet er all meine Fragen mit Aufrichtigkeit, Kompetenz und einer Prise Humor und zog mich damit weiter in seinen Bann. Ich begann zu spüren, dass dieses Treffen mehr als nur meine Neugierde triggerte.

Nicht nur bei mir: Als die Dame am Nebentisch schließlich so nahe gerückt war, dass sie ohne Probleme an meinem Drink hätte nippen können, beschlossen wir, die Bar zu verlassen.




Schon beim Aufwachen am nächsten Morgen denke ich daran, welche Art von Spuren Seile wohl in der Seele hinterlassen, also unter der Haut. Mein Kopf hatte seinen Wissensdurst gestillt, jetzt beginnt mein Körper Fragen zu formulieren und förmlich nach Erfahrungen zu lechzen. Mit jeder Faser fühle ich: Ich möchte mich Sascha und seinen Seilen hingeben und erleben, welchen Eindruck beide auf mich haben.


Nach einem weiteren intensiven Vorgespräch war es soweit.*

Nackt und mit klopfendem Herzen stehe ich vor ihm auf der Bambusmatte und schaue in seine Augen.

Er hingegen steht komplett bekleidet vor mir, seine Blicke gleiten meinen Körper entlang, als suchte er etwas. Was mag das wohl sein? Er tritt dicht hinter mich, berührt mich aber nicht und doch kann ich ihn mit jeder Faser spüren. Er ist in meinem Bereich. Sein Kopf ist in der Nähe meines Nackens, dann atmet er mich tief ein. So verweilen wir. Zwischen meinen Beinen kribbelt es, über uns hängt das Bambusrohr.



Er hebt ein aufgewickeltes Seil auf und sieht mir mit festem Blick in die Augen. Saschas Hände auf meinen Schultern weisen mir den Weg: ich knie vor ihm, atme tief ein und sehe erwartungsfreudig zu ihm auf. In diesem Moment ertönt ein peitschendes Geräusch, als er mit einer schnellen Bewegung das Seil auseinanderzieht. Ein Lächeln umspielt seinen Mund, als ich erschrecke. Aktion - Reaktion. Bereitwillig lasse ich mich auf dieses Spiel ein, es ist wie ein Gespräch, nur ohne Worte. Ich bin gespannt, welche Themen heute angesprochen werden.


Meine Hände führt er nun so hinter dem Rücken zusammen, dass die Unterarme sich berühren und fesselt sie etwa auf Höhe der Handgelenke zusammen. Von diesem Punkt aus wickelt er das Seil mehrmals geübt um meinen Oberkörper, sodass ein wunderschöner Brustharness entsteht. Die Seile sitzen eng und fühlen sich toll an. Außerdem setzen sie meine Brüste besser in Szene als jeder BH. Wie aufmerksam er mich anschaut, er ist ganz in unserem Moment gefangen. Er kontrolliert die Durchblutung meiner Hände, richtet ein paar Lagen Seil aus und dann gehen wir einen Schritt weiter.


Ein weiteres Seil hat er nun zwischen meinen Schulterblättern befestigt, als er es über den Bambus legt, das Seilende in seiner Hand. Die Muskeln des Armes spannen sich an, als er an dem Seil zieht. Sofort straffen sich die Seile um meinen Oberkörper, umarmen mich fest, fester. Ein Unterschenkel ist noch auf dem Boden, ich lege mich jedoch bereits jetzt zum ersten Mal mit meinen ganzen Gewicht in die Seile, indem ich meinen Schwerpunkt verlagere. Ich bin nun ganz bei mir. Alle nebensächlichen Gedanken sind verflogen, aufmerksam spüre ich jeden Teil meines Körpers, höre kein Geräusch...

Sascha sieht mich an, sieht, wie meine Augen glänzen und mein Mund halbgeöffnet ist, aber keine Worte hervorbringt. Wir lächeln uns an und er fesselt schließlich meine Beine.



Als kein Zentimeter meines Körpers mehr den Boden berührt, ist es, als fügen sich in mir zwei Puzzleteile zusammen. Ich hatte sie voher unterschiedlichen Spielen zugeordnet! Nun schwebe ich in den Seilen und existiere ausschließlich für diese Form, für diesen Moment. Ich verstehe, dass ohne Sascha, weder die Form noch der Moment möglich gewesen wäre.


Dann realisiere ich beklommen, dass auch ein Entkommen ohne Sascha in diesem Moment nicht möglich wäre und mache besorgt die Augen auf. Er liegt direkt unter mir, tastet meinen Körper und die Seile mit seinen Blicken ab, aufmerksam und ruhig. Nur ein paar wenige Zentimeter trennen uns und doch ist er physisch unerreichbar für mich. Ich werde weich, atme regelmäßig und gebe mich dieser bittersüßen Situation hin.

Mein Schmerz, mein nackter Körper, meine Reaktionen gehören ihm; ich leide, existiere und reagiere für ihn.

Ich bewege mich in den Seilen und erforsche die mir gebliebene Bewegungsspanne. Gierig sieht Sascha zu. Seine Seile umschließen beinahe meinen gesamten Körper, ich kann sie deutlich als Verlängerung seiner Arme und Hände spüren. Er hat starke Arme und Hände. Unsere Blicke treffen sich abermals und Funken sprühen. Da geht mir endlich auf, wonach er sucht: Diamanten, wie so viele andere auch.

Nur, dass seine kostbarsten Schmuckstücke Reaktionen sind... Wo bewahrt er sie nur auf?

Als er mich zurück auf den Boden der Tatsachen geholt hat, bin ich hin und hergerissen. Die Gedanken sind zurück und überschlagen sich regelrecht. Wie kann ich mich so unglaublich stark und frei fühlen, während ich so dermaßen eingeschränkt und kontrolliert war? Ich spüre, wie mein bisheriges Weltbild schwankt und immer mehr Fragen schwirren in meinem Kopf umher.

Unendlich dankbar, lächele ich Sascha hilflos an. Er erkundigt sich, wie es mir geht. Ich versuche zu formulieren, wie es ist, Antworten auf Fragen zu bekommen, die ich mir vorher nie gestellt hatte.



In den Seilen finde ich näher zu mir. Wie nah ist zu neugierig? Ich gebe mich preis, indem ich mich öffne. Mein wahrer Kern ist rein und verwundbar, wie oft kann er zum Vorschein kommen, ohne zu Schaden zu kommen?

Ich spüre, dass Mut und auch Vertrauen dazu gehören, sich dermaßen verletzlich zu machen. Noch mehr spüre ich, dass Sascha dieses wertvolle Geschenk ehrt und dass ich nur durch dieses Vertrauen die Möglichkeit bekomme, zu wachsen und mich auszuleben. Aktion - Reaktion.


Der dunkle Abgrund ist manchmal sehr nah.

Oh, wie lieb er mir geworden ist...


 

* mehr darüber, wie wir unsere Kommunikation rund um unser Spiel gestalten (Stichwort: Consent!) erfahrt ihr im nächsten Blog-Artikel


Alle Bilder in diesem Beitrag sind von der amerikanischen Künstlerin und Fotografin

Leela DeLieto fotografiert, dankeschön!

Instagram: @art.by.leela


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